Zeichnen in der Stadt – Meran

Elisabeth war oft Gast in Meran, das lese ich auf den Schildern der Höhenwege. Sie sind ihr gewidmet.

An den Kurpromenaden stehen Sitzbänke in vorbildlichen Reihen. In die Rückenlehnen sind Gedichte geritzt, mal in Italienisch, mal in Deutsch. Beides scheint in Südtirol mittlerweile gut nebeneinander her zu leben. Leichtfüßig pendelt hier jeder zwischen den Sprachen.

 

Halblaut wiederhole ich ein Gedicht im Weitergehen. Fremd ist, wo ich bin, wenn ich diese Zeile richtig übersetzt habe. Ich überquere eine Brücke, die Morgensonne wärmt mir den Rücken, mein Schatten geht voraus, ich wäre gern schmal wie er. Die Brücke ist mit Blumen geschmückt, in Meran ist alles blumengeschmückt. Rosen mit prallen Blüten stehen in schweren Vasen. Im Park gegenüber blitzt ein Denkmal durch die Palmblätter.

 

Park der Elisabeth, steht auf Deutsch und Italienisch auf dem Schild am Eingang. Unter den Büschen räumen Obdachlose ihre Nachtlager.

Als ich vor dem Denkmal stehe, sehe ich, dass es Elisabeth darstellt. Mit einem Mal zittern meine Beine und ich setze mich auf eine jener Poesie-Bänke. Vielleicht bin ich zu weit gelaufen. Denn auch in Meran tue ich das, was mir am liebsten ist: durch fremde Straßen laufen, allein unter Menschen sein, dazugehören und doch unbehelligt meiner Wege gehen.

 

Elisabeth als weißvergraute Steinfigur, auf einem Podest inmitten blühender Bäume und Palmen. Aufrecht sitzt sie da, die schmale Taille geschnürt, die behandschuhten Hände auf den üppig fallenden Rock … sie stützt ihre Hände nicht auf, sondern … sondern?

Sie sitzt nicht ruhend da. Sie sieht durch die blühenden Bäume auf die Stadt und auf den Fluss, der sie teilt. Auch wenn Elisabeth keine Steinfigur, sondern noch ein lebendiges Wesen wäre: Sie wäre nicht über diese Brücke in die Stadt gegangen. Nie reiste sie, um anzukommen.

 

Mit Gewaltmärschen hat sich Elisabeth, neben drastischen Hungerkuren und Kokainspritzen, die Figur gehalten. Einmal machte sie einen „Spaziergang“ von Starnberg nach Schwabing: Die mehr als 30 Kilometer lief sie an einem Stück.

 

Sie hat die Hände nicht aufgestützt, um sich auszuruhen, sondern damit sie leichter aufstehen kann. Sie muss ja weiter, um am nächsten Ort wieder so zu sitzen: still, aufrecht und … und so traurig schön.

 

Elisabeth in Bayern, Kaiserin von Österreich, Königin von Ungarn. Jedermann bekannt als Sissy, oder wie sie ihre Briefe zeichnete: in der Mitte mit nur einem s und hinten ein i: Sisi.

 

Letzte Nachtschwärmer queren den Park: Va bene, gut, gut, Arrivederci, Servus, una buona giornata, danke dir auch. Es riecht nach feuchtem Teer. Die Vögel sind lauter als die Autos.

 

Ich öffne das Skizzenbuch, sehe zum Denkmal und warte, bis meine Augen das Wirrwarr aus Pflanzen und Architektur zu einem Bild ordnen. Die ersten Striche im Skizzenbuch sind so unsicher und krakelig, dass mir mal wieder der Gedanke durch den Kopf schießt: Nichts kannst du!

Da hilft nur eins: weitermachen. Und Musik. Ich warte, bis es in mir summt. Kinderlieder, Schlager, Weihnachtslieder sind es meist, die mich tragen und trösten, bis ein Bild geworden ist.

Diesmal ist ein Kirchenlied, obwohl ich schon vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten bin, weil ich an sehr viel glaube, aber nicht an einen Gott. Doch meine katholische Erziehung schlägt immer wieder durch.

 

Es war ein Maientag wie dieser. Vor meinem Kinderzimmerfenster trottete der Hund den Radius seiner Kette ab. Er stupste an den Napf mit den Schlachtabfällen, das Blech schepperte. Er winselte, raues Bellen nur noch bei Not. Es klopfte an meiner Tür. Ich wandte den Kopf, vorsichtig: mein langes langes Haar, maronifarben und schwer, war zu Korkenzieherlocken gebrannt. Meine imaginäre Hofdame trat herein, knickste und sagte, meine richtigen Eltern erwarteten mich im Schloss Possenhofen am Starnberger See.

Draußen hob ich mit rotwund gewaschenen Händen das Kommunionkleid an und stieg über den halbgefrorenen Hühnerschiss auf dem Pflaster. Wir gingen zur Kapelle, der Weg war mit Rosenblüten bestreut. Blechblasinstrumente glänzten in der Sonne, Großer Gott wir loben dich, und die Großmutter hielt mich an ihrer knochigen Hand wie in einer Zange.

 

… dass sie ja nicht einmal einen geraden Strich zeichnen kann, sagt eine Frau zu mir. Sie stellt sich direkt vor mein Motiv. Ich muss sie bitten, einen Schritt zur Seite zu gehen. Aber ihre Schwester, erzählt sie weiter, die konnte schon als Kind so gut zeichnen. Das habe dann ausgesehen wie echt.

Um einen geraden Striche zu zeichnen, hält man den Arm auf der gewünschten Höhe und zieht die Linie beim Ausatmen. Die Bewegung wird aus der Schulter heraus geführt. Das lässt sich lernen und muss wieder und wieder geübt werden. Talent hin oder her.

 

Jemand hat Rosen neben das Podest gelegt, sie sind noch frisch.

Jedes Jahr zu Weihnachten habe ich mir diese Filme angesehen, fasziniert von den Kleidern und Umgangsformen: „Echauffieren Sie sich doch nicht so, werte Mama!“ Das hätte ich mal zu meiner Mutter sagen sollen, wenn ich mich mal wieder vor der Feldarbeit gedrückt hatte!

 

Romy Schneider. Sie war die Heldin meiner Mädchenzeit. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die wahre Elisabeth nicht genau Romy glich. Und heute glaube ich, dass ich damit recht hatte. Diese Mädchenfrau in düsteren Filmrollen: das Schöne und das Schreckliche, bei ihr schien es eins. Es war ihre Zerrissenheit, die mich anzog: Einerseits hatte sie kaum Selbstvertrauen, andererseits ging sie so mutig den eigenen Weg. Aber wie Sisi wählte auch Romy immer den schwierigsten Weg.

 

Kleine Mädchen laufen über die Wiese. Vor dem Denkmal bleiben sie stehen, türmen ihr Haar zu hohen Frisuren und stolzieren weiter.

 

Elisabeth war eine Totalverweigerin. Nur allerhöchste Repräsentationspflichten nahm sie wahr. Sie sah keinen Sinn in ihrem Dasein. Sie wusste, dass die Monarchien Europas am Zerbröckeln waren. Eingebracht hat sie sich selten, und nur dann, wenn es ihren persönlichen Interessen entsprach.

Nach der morgendlichen Besprechung mit der Hoffriseurin wurde ihr wadenlanges Haar drei Stunden lang frisiert. Tag für Tag. Um ihren Geist zu trainieren, ließ sie sich währenddessen Sprachunterricht geben. Ungarisch gefiel ihr besonders gut und sie beschloss, den verwaisten Thron wieder zu besetzen. Ein paar erboste Briefe an den Kaiser und zack bumm war die ansonsten politisch Desinteressierte Königin von Ungarn.

 

Passantenworte streifen mich: Wie kann man nur Palmen malen!

Das weiß ich auch nicht. Ich vermute, Palmen werden gezeichnet, wie alles gezeichnet wird: erst hinsehen, bis die Form erkannt ist – es gibt nur Kugel, Kegel, Viereck. Diese Grundform bringe ich aufs Blatt. Bei der Palme ist das unten ein langes Rechteck, oben eine Kugel. Details zeichne ich später.

 

Zwar weigerte Elisabeth sich, ihre Pflichten als Kaiserin zu erfüllen, zog aber alle Vorteile daraus. Auf ihren vielen Reisen kaufte sie zum Beispiel gern mal das eine oder andere Schloss, ließ es aufs Feinste ausstatten … und fuhr nie wieder vorbei. Sie ließ sich vom berühmten „Königsmaler“ Franz Xaver Winterhalter portraitieren, genauso wie sie es sonst verspottete: in majestätischer Dreieckskomposition, übergroß und auf den Betrachter weit herabschauend, das Kleid von Diamantsternen übersät.

 

Es hieß, sie war unter Tränen nach Wien gekommen, aus der Geborgenheit ihres Elternhauses gerissen. Den liberal gesonnenen Vater hat sie verehrt: Herzog Max in Bayern gilt heute als der erste Sozialdemokrat Bayerns.

16 Jahre alt war sie bei ihrer Vermählung. Liebe auf den ersten Blick sei es bei ihr und dem Kaiser gewesen. Seine hielt ein Leben lang.

In den ersten Jahren der Ehe bekam sie drei Kinder. Eines verstarb im Säuglingsalter. Anfangs war sie mit dem Kaiser noch oft auf Repräsentationsreisen. Zurück am Wiener Hof, flaute ihr Interesse an den Kindern rasch ab. Die Kaiserinmutter hat bald die Erziehung der Kinder übernommen. Sisis Protest dagegen hielt nicht lange an. Von unterwegs schrieb sie flammende Briefe, die Gouvernanten den Kleinkindern vorlasen, und brachte ihnen exotisches Spielzeug mit. Das schien ihrem Bild von der Mutterrolle zu genügen. Die herangewachsenen Kinder behandelte sie wie alle anderen: desinteressiert, arrogant. Auch den Kaiser hielt sie auf Abstand. Da bräuchte es schon ein edleres Reitpferd als diesen alten Esel, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen, schrieb sie ihm einmal. Mit den Karren meinte sie ihre Ehe. Trotzdem hielt er zu ihr. Wie kam man die Liebe nur so vertändeln? Wie oft hat man denn die Chance, jemanden zu begegnen, dem man einmal alles sein kann, woran er sich erinnern wird?

 

Wie groß müssen Verletzungen sein, dass eine so um sich schlägt, wenn sich ihr jemand freundlich nähert? Warum tat sie das? War es ein Test? Hinter dem immer die Frage stand: Hältst du mich aus?

Wem es aber gelang, ihren Wall aus Hohn und Spott zu durchdringen (es waren wenige, handverlesene Menschen), beschrieb Sisi als bezaubernd, liebenswert, empfindsam und – darin waren sich auch ihre Neider und Feinde einig – betörend schön. Sie galt als die schönste Frau Europas.

 

Bei allem, was sie tat, erreichte sie Höchstleistungen: Sie galt als eine der besten Reiterinnen Europas – im Damensattel! Doch von einem Tag auf den anderen ließ sie es bleiben. Als strebte sie nur einen bestimmten Punkt an. Einen Augenblick der Vollkommenheit. Nichts konnte sie lange fesseln, nicht einmal ihre Kinder. Gelangweilt, fast angewidert, wandte sie sich Neuem zu. Ihre Gefühlslage dokumentierte sie in Spottgedichten.

Ein Verhalten, dass bei hochbegabten Menschen zutage tritt. War Sisi hochbegabt? Ihre miserablen Gedichte sprechen dagegen. Peinlich, dass sie sich mit Heinrich Heine, ihrem Idol, auf eine Stufe stellte. Dass sie die fehlende Qualität nicht bemerkt hat! Sie, die Heinrich-Heine-Expertin, die von deutschen Professoren um Rat gefragt wurde. Mündet Begabung nicht in einem Kunstwerk?

 

Sisis wichtigstes Werk war wohl sie selbst. Die Haare, die Kleider, die schmale Figur, die sie ein Leben lang behielt. Zu einem hohen Preis. Allein die Haare! Um die Kopfhaut vom Gewicht der Haare zu entlasten, wurden sie in Strähnen gebunden und rund um ihren Schreibtisch auf Nägeln in der Wand aufgehängt.

Ihre jahrzehntelange Anorexie führte zu schweren Hungerödemen. Schlug sie doch einmal über die Stränge und das täglich notierte Gewicht ging nach oben, ernährte sie sich von Ziegenmilch und Rindfleischsaft, bis wieder die richtige Zahl in ihrem Gewichtsjournal stand. Natürlich verhalfen auch die täglichen Kokainspritzen zur Appetitlosigkeit, wenngleich Sigmund Freud die damals frei verkäufliche Substanz als Mittel gegen die Melancholie empfahl.

 

Was war nur Schreckliches geschehen? Was hat sie so traurig gemacht? Warum erholen sich die einen von ihren Verletzungen und andere nicht? Als ob bei manchen Menschen die Schwermut so tief im Wesen verankert ist und nur darauf lauert, dass etwas geschieht, um nach dem ganzen Geschöpf zu greifen.

 

„Zeichnen Sie?“, ruft eine Dame.

Ah, meine Lieblingsfrage! Seit Jahren bastle ich an der richtigen Antwort, sie könnte so lauten: Eigentlich bin ich Pianistin, aber meine Trompete ist auf der Rolltreppe stecken geblieben. Es nervt mich entsetzlich, wenn ich beim Zeichnen angesprochen werde. Werde ich nicht angesprochen, bin ich beleidigt, weil mich niemand beachtet. Ich lächle und nicke nur, denn sie eilt schon weiter zu den anderen Damen, in praktischer Kleidung und grauen Kurzhaarfrisuren. Die Anführerin der Gruppe ist schon an der Brücke, sie hält einen geschlossenen Regenschirm über den Kopf.

 

Die Poesie-Bänke neben mir sind nun auch besetzt. Fahrradfahrer kreuzen pfeilschnell die Wege. Die Autos sind nun lauter als die Vögel.

 

Sisi war keine Mutter, die mit ihren Kindern Bauklötze stapelte. Aber sie sorgte dafür, dass der General, der ihren Sohn mit militärischem Drill drangsalierte, durch einen modernen, liberalen Pädagogen ersetzt wurde. Schriftlich ließ sie sich vom Kaiser geben, dass fortan alle Verantwortung für die Erziehung des Thronfolgers bei ihr lag.

 

Wie warm es inzwischen geworden ist. Ich würde gerne mein Jäckchen ausziehen, aber hinter mir klickt schon wieder ein Handy. Auf dem Foto würde man dann meinen Rückenspeck sehen, der sich unter der Bluse abzeichnet. Kaum ist eine Diät durchgehalten, fächert er sich wieder wie ein Tannenbaum auf. Von Jahr zu Jahr wird es schwerer, etwas dagegen zu tun. Mir ist richtig heiß, aber wenn der Depp hinter mir das Foto postet … ich verachte Sisi für ihre Magersucht und ich verachte mich, dass ich es nicht schaffe, abzunehmen.

 

Eine Frau bleibt stehen, stellt sich neben mich, sieht auf mein Blatt und sagt etwas auf Italienisch. Schnell schnalzen die Worte aus ihrem Mund, ich verstehe kein Wort und antworte vorsichtshalb nur mit einem: Certo.

Sie lächelt und wechselt ins Deutsche: Fein machen Sie das, sehr sehr fein.

Danke, sage ich und spüre, dass ich rot werde. Sie geht weiter.

 

Sicherlich hatte sie keine richtige Aufgabe. Sie stellte sich aber auch keine. Sie sah nur das Sinnlose ihres Kaiserinnen-Daseins. Ist denn nicht gerade in der Aussichtslosigkeit der Dinge wichtig, jeden Tag zu nützen, sich selbst den Sinn zu geben, der nicht zu erkennen ist. Dort, wo man nie hinwollte, aber eben doch gelandet ist.

 

Oh, ein neues Lied in meinem Kopf! Diesmal ist es nur eine Textzeile: Still, still, still, weil’s Kindlein schlafen will… Ich soll wohl auch nicht so viel über Sinn- und Aussichtslosigkeiten nachdenken. Mit dem Scheitern kenne ich mich aus. Und Fehler habe ich gemacht, die reichen für zwei Leben … Weißt du, liebe Liesl aus Possenhofen, wie oft ich unsicher bin? Sage etwas Blödes, stell mich dumm an? Oft genug!

 

Ich sehe von meinem Blatt auf, der Park, die Bäume, die Brücke sind gezeichnet, nun kommt das Denkmal.

Immer nur schön sein, immer nur perfekt sein. Ist das denn genug? Dasitzen, bis wieder einmal einer vorbeikommt, der Sisi bewundert. Auf das Wunder warten, aber nichts dafür tun, damit es geschieht. Und diese Strenge! Vielleicht nur ein paar Kilo mehr. Die Haare nicht ganz so perfekt. Wäre das wirklich so fatal gewesen? Mittelmaß genügt, sagt man doch.

 

Können Sie auch abstrakt?

Schon wieder spricht mich jemand an.

Nein, zufällig kann ich nicht abstrakt! Das interessiert mich nicht, weil mir die Welt, wie sie ist, schon groß und verwirrend genug ist. Ich zeichne, was ich sehe, um herauszufinden, an welcher Stelle in diesem Gefüge mein Platz ist. Fremd ist, wo ich bin: Ich will das nicht mehr, liebe Sisi. Ich sehne mich nach meinem Platz auf der Welt. Danach suche ich. Darum zeichne ich. Sehr langsam, Strich für Strich, alles andere führt zu nichts. Ich zeichne so gut ich kann, es wird nie so gut, wie ich will, und beim nächsten Bild werde ich besser sein. Oh, wie ich Mittelmaß verabscheue!

 

… und lehre mich kleine Schritte tun. Und wenn der Weg zu lang und zu schwer wird, lehre mich noch kleinere Schritte zu gehen.

Die katholische Erziehung schlägt wieder durch und spuckt mir ein längst vergessen geglaubtes Gebet in den Kopf zurück.

 

Hinter mir Handyklicken, Flüstern, Kichern.

Ob ich das gelernt habe, ob das mehr so hobbymäßig ist und ob ich davon leben kann, fragt ein alter Mann. Dann erzählt er von der Krebserkrankung und der Frau, die ihn verließ.

 

Sisi blickt auf die Stadt. Weiß, still, schön. Man darf schon mal beleidigt sein, finde ich. Ich mag mich ja beleidigt auch sehr: Köpfchen hoch, Schnute ziehen: entzückend. Aber Scheitern gehört zum Geschäft, und dann geht’s wieder weiter.

 

Auf die Poesie-Bank gegenüber setzt sich ein Mann. Leckomio, sieht der gut aus. Warum grinst der so? Habe ich das mit der Schnute wirklich gemacht? Ich sehe an Sisi vorbei zu ihm: groß ist er, die Haare wild. Das Hemd hochgekrempelt, seine Unterarme sind braungebrannt und sehnig. Ich steh ja voll auf Männer-Unterarme.

Wie die der Männer früher im Dorfwirtshaus. Wie sie die Karten auf den Holztisch knallten. „Was liegt, das picht“, riefen sie, wenn einer sein Blatt zurückzog.

 

Der Typ da drüben ist etwas nachlässig gekleidet. Ich finde, ein Hemd gehört in die Hose und wenn ein Mann einen Gürtel trägt, ist das auch kein Verbrechen. Seine Schuhe sind hochwertige Sneakers, blitzblank geputzt, immerhin. Er holt eine Wurstsemmel aus der Tüte. Schon Mittagspausenzeit? Bei der Figur würde ihm ein wenig Zurückhaltung nicht schaden. Er grinst noch immer. Mist, habe ich zu auffällig geguckt? Ich sehe weg, dann wieder hin. Jetzt ignoriert er mich. Der sucht wohl was auf Augenhöhe, das kann er haben: Ich schaue ihn nicht mehr an.

 

Sisi beherrschte das Spiel mit den Männern. Dieses Locken, Umtänzeln, Verstoßen, Verhöhnen, Betören. Aber weiter nichts.

„Seien Sie versichert“ schrieb sie an eine am Hof als zuverlässige Klatschbase bekannte Gräfin, „dass keine Liebelei unsere tiefe Freundschaft verspottet“. Es war ihre Reaktion auf das Gerücht einer Affäre mit dem Grafen Andrassy. Und ihrem Mann schrieb sie erbost „Ich bin frigide“ als Antwort auf seine Bitte, doch „wieder mal ein bisserl lieb“ zu ihm zu sein.

 

Die körperliche Liebe war nichts für sie. Selbstverständlich nicht. Denn bei diesem Drängen, Tauchen, Stoßen bitte bitte schneller, mehr, mehr, uffdada, uffdada … macht selbst eine Kaiserin nicht durchweg eine Bella Figura. Was soll denn das für ein Glück sein, so ein kurzes, schmatzendes, winselndes?

 

Was meinte sie damit, als sie in ihren Briefen behauptete, sie wäre gescheitert? Worin war sie gescheitert und wann hat sie beschlossen, dass es ein Scheitern war?

 

Der Sohn nahm sich mit 30 Jahren das Leben. Schoss sich in den Kopf aus verzweifelter Liebe zu einem 18jährigen Backfisch! Der Thronfolger von Österreich! Wie viel Hoffnung hat sie in ihn gesetzt, dass er das liberale Gedankengut ihres Vaters auf die Wiener Hofburg bringt.

Nach seinem Tod hat sie den Hofjuwelier beauftragt, Trauerschmuck anzufertigen. Armband, Kette, Ohrringe: alles aus schwarzen Juwelen. Sonnenschirm, Spitzenfächer, Taschentuch, Hüte: alles in Schwarz.

War sie gefühlskalt? War das wieder ein Zeichen ihrer Launenhaftigkeit? Aber was sollte es bitte Besseres geben, den Widrigkeiten des Lebens entgegenzuhalten, wenn nicht Eleganz und Haltung. Im größten Schmerz aufrecht sein, dafür bewundere ich sie.

 

Nie wieder trug sie etwas anderes als schwarze Kleider. Nur ihre Schuhe blieben robust, praktisch. Denn als ihr Sohn gestorben war, gab es für sie keinen Grund mehr, am Hof zu bleiben. Fortan war sie unentwegt auf Reisen, immer stärker griff die Schwermut nach ihr. Melancholie als Inbegriff der Lebensfreude.

 

Ihr schwarzes Kleid in weißen Stein gemeißelt.

Wie schön dieser Park ist. Die Menschen sitzen auf den Poesie-Bänken und einer erzählt und der daneben nickt und lächelt und hält das Gesicht in die Sonne. Sie lassen ihre Kinder durch den Brunnen dort laufen. Ein Regenbogen spannt darüber. Sie winken mit Eistüten in der Hand. Eine Frau wirft das Haar zurück, ein Mann fängt ihr Lachen auf und trägt es über die Wiese. Bunte Fahrräder kreuzen den Weg, lachend geben sie einer rostigen Klingel den Weg frei. Wie perfekt die Welt um ihr weißes Podest ist: ohne Hungern, ohne Qual. Einfach Leben, schön ist das.

 

„Malst du es jetzt aus?“, fragt ein Junge, als ich meinen Reisemalkasten heraushole.

„Vediamo un po’, schaun mer mal“, antworte ich ihm.

„Wenn du jetzt daneben malst, hast du’s versemmelt“, meint er.

 

Recht hat er. Ich habe keine Fotos gemacht, ich arbeite nie mit Kopien. Was liegt, das picht. Zwar könnte ich radieren, es sind so viele Linien auf dem Blatt, Geisterlinien werden sie in der Fachsprache genannt. Doch ich radiere nie, weil meine Figuren sonst seltsam flach wirken. Es klingt paradox, aber: Zuviel Korrektur nimmt Qualität.

 

 

Eine Passantin dreht sich zu mir um:

Und wenn die gute Fee jetzt käme, was würdest du dir wünschen?

Dass sie mich weitermachen lässt. Um den Rest kümmere ich mich schon selber.

 

Ich koloriere das Bild, nur grob modelliere ich Licht und Schatten, der Rest wird im Atelier gemacht. Aber es ist mir jetzt schon klar: Ich habe schon bessere Bilder gemalt. Allerdings auch schon schlechtere. Es ist jetzt, wie es ist. Ich klappe das Skizzenbuch zu.

 

Hinter mir höre ich schon wieder ein Handy. Fußvolk, elendiges. Ich klopfe den Staub vom Rock und springe auf, schlage den Spitzenfächer vors Gesicht und laufe los, so beherzten Schritts, als wüsste ich genau wo’s langgeht.

 

 

Hier kann man mehr über Elisabeth von Österreich lesen:
Brigitte Hamann: Elisabeth
Katrin Unterreiner: Sisi
Arnoldsche Art Publishers (Hrsg): Franz Xaver Winterhalter
Johannes Thiele: Romy
Ludwig Merkle: Sissi

 

 

Mein Reisemalkasten: Ich habe ihn einmal auf der Dult gelost. Funktioniert 1a.